Die Stunde des Wolfs

Veröffentlicht am 20. Juli 2020
Was entspricht noch der Wahrheit und was ist bereits Wahnsinn? Ingmar Bergmans Film verschmilzt die Realität so sehr mit der Fantasie seines Protagonisten, dass diese Frage offen bleibt. 
Die Stunde des Wolfs beginnt ungewöhnlich: Aus dem Off hört man die letzten Anweisungen des Regisseurs und dann sitzt da einfach eine Frau vor der Kamera und redet mit dir. Sie erzählt von ihren Erlebnissen und legt dabei ihre innersten Gedanken frei. Als Filmanfang ist Bewusstseinseinstrom und das Durchbrechen der vierten Wand in den 1960er schon etwas Außergewöhnliches. 

Der Anfang des Filmes macht gleich offensichtlich, dass der Film nicht so leicht zugänglich sein wird. Deshalb hilft es vielleicht zu wissen, dass die eigentliche Geschichte des Films in einer Meta-Erzählung aus Sicht der Frau am Anfang und am Ende reflektiert wird. Diese bildet den Rahmen für die Hauptgeschichte eines Malers, der vom Wahnsinn verfolgt wird. Ebenfalls zu einem leichteren Verständnis des Films beitragen könnte, wenn man das, was die Frau am Ende feststellt, als grundlegende Idee, mit der sich der Film beschäftigt, fasst: "Ist es nicht so, dass eine Frau, die lange mit einem Mann zusammenlebt, im Laufe der Jahre diesem Mann ähnlich wird? Wenn sie ihn liebt, beginnt sie, zu denken wie ihr Mann, zu sehen wie er".
Um es mit Queen zu fragen: "Is this the real life? Is this just fantasy?" 
Nun kurz zu der eigentlichen Geschichte: Eine Frau zieht mit ihrem Mann, einem bekannten Maler, auf eine kleine Insel. Als dieser dort seine Zeichnungen anfertigen will, trifft er auf die wenigen anderen Bewohner der Insel. Diese kommen ihm durchweg merkwürdig vor. Deshalb schreibt er seine seltsamen Erlebnisse mit ihnen in ein Tagebuch. Verwirrt von dem absurden Geschehen kann in der Stille und Isolation der Insel nicht mehr normal schlafen. Er wartet jede Nacht auf den Tagesanbruch, um zu schlafen. Die letzte Stunde vor dem Morgengrauen, so erklärt er seiner Frau, sei die Stunde des Wolfes. In dieser werden die meisten Kinder geboren, aber es sterben auch die meisten Menschen, erzählt er ihr. Im Kerzenschein der Stunde des Wolfes bringt er düstere Geschichten, die ihr seinen Wahn klar machen, ans Tageslicht. Seine Frau hat deshalb Angst ihn zu verlieren. Er offenbart ihr in der Finsternis seine dunkle Vergangenheit. Die Realität verschmilzt dabei so sehr mit der Fantasie, dass sich sowohl für die Frau, der er seine Gedanken erzählt, als auch den Zuschauer, der den Film sieht, die Frage stellt, was noch Wahrheit und was bereits Wahnsinn ist.

Die Stunde des Wolfes erzählt die alte Geschichte eines Künstlers, der von Wahnvorstellungen geplagt ist. Neu ist, dass weder für die Frau des Künstlers noch für den Zuschauer klar ist, ob es tatsächlich Wahnvorstellungen sind oder vielleicht doch die grausame Realität.
Lange Einstellungen ohne Schnitte, in denen die beiden Hauptdarsteller Liv Ullmann und Max von Sydow ihr ganzes Können zeigen, machen den Film zu einem intensiven emotionalen Drama. Anfangs noch etwas träge, nimmt er gegen Ende richtig Fahrt auf.
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