Der diskrete Charme der Bourgeoisie

Veröffentlicht am 20. Juli 2020
Wir wachen aus einem Traum auf und landen direkt im nächsten. Der Surrealist Luis Buñuel hat passenderweise einen Film gewählt, um uns zu zeigen, dass unser ganzes Leben vielleicht nur ein Traum ist.
Luis Buñuel lehrt uns in Der diskrete Charme der Bourgeoisie zwei Dinge: Zum einen, was einen Bourgeois ausmacht. Denn ein Bourgeois ist zumindest für Buñuel, der Bourgeois und Bourgeoisie-Hasser zugleich war – wie er Atheist und Katholik und Anti-Kommunist und Marxist zugleich war – jemand, der sein Geld damit verdient, Kokain mit seinem Diplomatenpass zu schmuggeln. Ein Bourgeois ist auch jemand, der damit prahlt einen Cocktail-Empfang, zur Kunst zu machen. Vom richtigen Glas, über die richtige Mischung bis hin zu der richtigen Art und Weise das Glas zu halten – mit allem kennt der Bourgeois sich bestens aus. Und um seine Überlegenheit zu beweisen, demonstriert er, dass der einfache Mann von der Straße, es falsch macht, indem er seinen Chauffeur ruft. Ein Bourgeois ist auch jemand, der sich Parfüm in seinen Mund sprüht, bevor sie mit der Frau seines Freundes schläft. Und das vielleicht wichtigste Kennzeichen eines Bourgeois ist, dass er sich ständig überlegen fühlt. So kommt es, dass ein Bourgeois selbst, wenn ihn eine hübsche Terroristin umbringen will, er versucht sie zu verführen.

Zum anderen macht Buñuel uns klar, dass wir vielleicht nur in einem Traum leben. Aber fangen wir langsam an. Was wir wissen ist, dass Träume Vorgänge aus dem Unterbewusstsein hervorbringen. Interessant ist ihre Ähnlichkeit zum Film: Denn sowohl der Traum als auch der Film sprechen nur zwei der fünf menschlichen Sinne an. Traum und Film funktionieren über die visuelle und auditive Wahrnehmung, während sie die restlichen drei Sinne außen vorlassen. Mit dem Wissen um diese Analogien von Traum und Film ist es durchaus genial, dass der Surrealist Luis Buñuel ausgerechnet einen Film gewählt hat, um uns zu zeigen, dass vielleicht unser ganzes Leben nur ein Traum ist. Wie schafft er das?
Der diskrete Charme des Surrealismus im Film
Er zeigt uns einen Film, indem jede Geschichte damit endet, dass sie nur ein Traum einer der Protagonisten war. Wir wachen also aus einem Traum auf und landen direkt im nächsten. So wirft Buñuel die Frage auf: Vielleicht leben wir tatsächlich nur in einen Traum? Die einzige Art zu erkennen, dass ein Traum nur ein Traum ist, ist aufzuwachen und in die Realität zurückzukehren. Doch wie der Film zeigt, können Träume auch ineinander verschachtelt sein.

Eine ähnliche Idee, nämlich, dass wir in einer Simulation leben, hat ein Jahr später Fassbinder mit Welt am Draht ins Kino gebracht. Der Film hat uns auch – wie zwei Jahrzehnte später Matrix einem großen Publikum – klar gemacht, dass Simulationen ineinander verschachtelt sein können. Der diskrete Charme der Bourgeoisie behandelt schon davor die Idee, dass wir in einem Traum leben könnten. Vielleicht sogar in dem Traum eines anderen. Denn selbst, wenn wir aus einem Traum aufwachen, wer sagt, dass das scheinbare Ende des eines Traumes nicht nur der Anfang des nächsten Traumes ist – der Traum sich also als ein Traum im Traum erweist. Und so würden wir selbst, wenn unser ganzes Leben nur ein Traum ist, es nie mit absoluter Sicherheit wissen. Denn alles, was wir versuchen, um einen Bezug zur Realität herzustellen, könnte selbst Bestandteil des Traumes sein. Was daran liegt, dass ein Traum ein geschlossenes System ist und uns daher keine Rückschlüsse auf die Realität, also den Nicht-Traum, zulässt.

Den besten Beweis dafür, dass es nicht so ist, liefert uns paradoxerweise der Film selbst. Denn wie genial müssten wir sein, dass unser Unterbewusstsein einen solchen Film produziert? Es sollte daher niemand von der Idee beunruhigt sein, dass das Leben bloß ein Traum sein könnte. Denn selbst, wenn es so ist, ein Traum, indem man Filme wie Der diskrete Charme der Bourgeoisie sieht, ist ein schöner Traum.
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