Praktikum bei Pai Mei: Die Parabel in Kill Bill

Veröffentlicht am 23. April 2021
Als Beatrix sich in einem Sarg unter der Erde wiederfindet, scheint ihr Rachefeldzug gegen Bill am Ende. Während langsam ihr Licht erlischt, kehrt die Erinnerung an Meister Pai Mei zurück: Sie versteht, was sie wirklich in seiner Pflegschaft gelernt hat.
Im Schwarzweiß wird der Sarg enger. Vom Leuchten der Taschenlampe glänzt Beatrix‘ verschwitztes Gesicht. Wie ein angeschossenes Tier schlägt sie um sich, schnappatmet den schalen, endlichen Sauerstoff. Der Körper krampft, ihr Magen zieht sich zusammen.

So fühlt sich das Ende an.

Ruhe breitet sich in der 50-Kubik-Zelle aus und in ihrer Erinnerung befindet sie sich wieder mit Bill am Lagerfeuer. Es ist der Abend vor ihrem Praktikum bei Pai Mei.

Tutelage ist Pflegschaft - kein "Grundkurs" Kung-Fu

Wenn Quentin Tarantino ein etabliertes filmisches Stilmittel selbst anwendet, dann nutzt er es niemals wie den Kreuzschlitz aus der Werkzeugkiste. Stattdessen ringt er ihm eine neue poetische Bedeutung ab. Seine Montage in Kill Bill Vol. 2 trägt den Titel „The Cruel Tutelage of Pai Mei“ und geht weit über die Genrefilm-übliche Zeitraffung einer langen Trainingsphase hinaus. Tarantino kennt wohl fast alle dieser Montagen und er hat ihnen ein Geheimnis entlockt, das nun Beatrix Kiddo beim chinesischen Kampfkunstmeister Pai Mei entdeckt.

Schon der Titel dieses Kapitels spricht mit keinem Wort von Training. „Tutelage“ heißt so etwas wie Vormundschaft oder Pflegschaft – und tatsächlich trainiert wird in diesen Filmszenen herzlich wenig. Pai Mei gibt keinen Grundkurs „Kung Fu“ und für japanische Kampfstile wie das Samuraischwert hat er eh nur offene Verachtung übrig. Als er Beatrix einen Einführungskampf gewährt, interessiert er sich kaum für Tigerkralle oder Adlerklaue. Stattdessen macht er klar: „Wenn du mich nicht verstehst, dann kommuniziere ich mit dir wie mit einem Hund: Lautes Schreien und Hiebe mit dem Stock.“

Seine erste Übungsaufgabe ist von simpler Eleganz: Ein „One-Inch-Punch“; vollzogen an einem zentimeterdicken Brett.

Er wird Beatrix bis in den Schlaf begleiten.

Es gibt Reis und Tee - Gegessen wird immer mit Stäbchen

Als Bill sie am Abend vor ihrem schicksalhaften Trainingslager auf dessen Härten vorbereitet, erzählt er eine illustrative Legende über den chinesischen Meister. Sein Ton ist durchzogen von ungläubiger, manchmal ironischer Distanz. Er gefällt sich dabei, Beatrix eine Heidenangst vor dem geisterhaften Mann zu machen.

Seine Anweisungen an die Schülerin sind allenfalls geradlinig: „Benimm dich vor dem alten Chinesen. Das ist ein ganz eigenartiger Typ. Halt also immer besser die Klappe.“ Obwohl Bill selbst das Praktikum durchlaufen hat, weiß er mit dem, was sich damals auf diesem Berg abgespielt hat, nichts wirklich anzufangen. Allein die Geschichten, die er darüber jungen Mädchen am Lagerfeuer erzählen kann, bereiten ihm Freude.

Doch der Berg des Meisters ist echt. Im Hell des 35-mm-Films kommen das Grün der Pflanzen und das Blau des Himmels zur Geltung. Die Natur ist hier so wirklich wie nur sie es sein kann.

Auf diesen Stufen schmerzt jeder Schritt der Wasserträgerin,
hier ist der eigene Schweiß im Winter kalt wie Eis –
und im Sommer zähe, klebrige Soße.
Der One-Inch-Punch bringt nichts als blutige Knöchel,
weil das Holz keinen Grund hat, die Hand der Schülerin zu fürchten.
Zu Essen gibt es Reis, zu trinken Tee.
Gegessen wird immer mit Stäbchen.

An der Tischseite gegenüber sieht Pai Meis Gesicht zu

Seine Vormundschaft kennt keine Motivationsslogans, einzig verbale Erniedrigung oder stille Zustimmung. Er zwingt die privilegierte Amerikanerin Beatrix verbal in seine vorzeitliche Welt – und schließt dahinter die Tür ab. Pai Mei zwingt sie zurück in die Ordnung des Ökosystems. Unter seiner Führung wird sie den Weg hinaus schaffen. Dieser Tempel ist kein „All-Night-Gym“ und Beatrix‘ Weg zurück in die Zivilisation ist auf jedem Zentimeter hart erarbeitet¹

Bill hat sich diese Vormundschaft niemals erklärt. Heute schmunzelt er über Pai Meis raue Art, nennt ihn einen „miesen, alten Bastard“ und ächzt beim Gedanken an seine Monate als junger Wasserträger.

Bill – so viel wird klar – hat nix kapiert.

Wenn er Jahre später in seinem großen Finale erklärt, er sei „all about Old School“, dann ist bereits deutlich geworden, dass die für ihn nichts weiter als eine Wertmarke darstellt. Alte Revolver, hübsche Schwerter, ikonische Kleidung – sind einzig Dinge, mit denen er sich umgibt. So wie er seine eigene Vergangenheit mit Gruselgeschichten über seinen Lehrer ausschmückt. Nicht einmal in der Sekunde seines Sterbens kann Bill nachvollziehen, warum Pai Mei ausgerechnet Beatrix seinen tödlichsten Schlag anvertraut hat.

Beatrix wird wiedergeboren

Es gibt keine Szene in Kill Bill, die erzählt, wie das wohlgehütete Geheimnis der „Five-Point-Palm-Exploding-Heart-Technique“ vom Lehrer an die Schülerin weitergegeben wurde. Diese Montage ist nicht die Zusammenfassung seiner Kampfschule. Sie ist Beatrix‘ Erinnerung an ihre „Lebensschule“. Es sind die Monate, die sie zu einem Menschen gemacht haben. Die Monate, in denen Pai Mei sie wiedergeboren hat. Es ist die Erhebung einer Kreatur wie jeder anderen zu ihrer aller Meister. Es ist die Transformation des Wurmes in einen metaphorischen Adler.

Mögen die Hände auch schmerzen, ihren Reis isst sie am Ende mithilfe der Stäbchen auf.

Beatrix spürt ihre Verwandlung, sie erfasst ihre Menschwerdung. Ihre Choreografie vereinheitlicht sich mit der von Pai Mei. Der Berg – bisher eindringlich realer Schauplatz – wird nun zur Kulisse. Beatrix fühlt, wie sie zu sich selbst findet, wie ihr Geist in eine neue Dimension vorstößt.

Blutrot ist der Hintergrund, vor dem schwarze Silhouetten ihren Lebenstanz aufführen. Die Musik ist unnachgiebig – Pai Mei ist es sowieso – Beatrix tut es ihm nach. Die Eindrücke sind kurz und spärlich, die Schnitte früh gesetzt.

„It’s the wood that should fear you – not the other way round”

Beatrix kapiert – und die Erinnerung endet.

Farbe ist ins Bild zurückgekehrt. Die Heldin besinnt sich auf das Rasiermesser in ihrem Stiefel. Ein bisschen Geduld braucht sie noch…

Taschenlampe, Handfessel – Messer finden mit jedem Handgriff ihre Bestimmung.
Sie weiß jetzt, was sie vorhat. Zäh meistert sie ihre Bewegungen.
Faser für Faser trennt sich die Fessel.

Viermal klopfen, bis ein Hohlraum gefunden ist. Sie misst das entscheidende Inch ab. Ihre Finger liegen am Holz. Die Handfläche wird weit.

„OK, Pai Mei. Here I come.“

1. Später wird sie einmal – wie Bill es gegen Ende des Films formuliert – für hohe Gagen um die Welt reisen und Menschen töten. Ein Leben, das er so glamourös illustriert wie eine Werbekampagne für Fitnessprogramme. Doch bei Pai Mei gibt es keine Waffen, keine Geräte, keinen „Workoutplan“. Er ist „Meister“, nicht „CrossFit-Bro“. 
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