Jodorowskys Kino oder das Theater der Heilung

Veröffentlicht am 29. Juni 2020
Früher war er Surrealist, heute ist er Psychomagier. Der Regisseur Alejandro Jodorowsky setzt auf die transzendente Kraft des Films, um zu heilen.
Er sagt, er sei normal, weil er anders ist. Normal zu sein, sei eben anders zu sein. Jede Person sei schließlich anders. Sich bewusst zu sein, dass man nicht so wie die anderen sei, das heiße normal zu sein. Seiner eigenen Definition zufolge ist Alejandro Jodorowsky normal - der gewöhnlichen Auffassung von Normalität entspricht er jedoch keineswegs.

Von Hut bis Schuh dunkel wie die Nacht gekleidet, reitet er durch die Wüste. Seine langen, dunklen Haare flattern im Wind, seine Schritte auf der Suche nach spiritueller Erleuchtung wählt er bedacht. Es wirkt, als wäre Jesus nun nicht mehr in der Bibel, sondern in einem Western gelandet. Seine Prüfung besteht nun nicht mehr darin 40 Tage nichts zu essen und zu trinken, sondern sie ist ungleich härter. Mit El Topo, auf Deutsch „der Maulwurf“, scheint ein dreckiger Jesus aus der Erde gekrochen zu sein: Er mordet, fickt und kastriert.

Als Jodorowsky seinen wohl berühmtesten Film El Topo, bei dem er neben der Regie auch die Hauptrolle übernahm, zum ersten Mal auf dem Acapulco Film Festival zeigte, wurde er beinahe vom Publikum umgebracht. Im Auto von Roman Polanski flüchtete der Film-Magier von der Aufführung und entkam nur knapp seinen Tod, so erzählt es die Legende¹. Im erzkatholischen Mexiko war sein Spiel mit der religiösen Thematik auf jeden Fall ein Skandal.

John Lennon hingegen gefiel der Film so gut, dass er ihn 1970 nach New York brachte. Dem Publikum dort gefiel El Topo so gut, dass der Film ein Jahr lang jeden Tag um Mitternacht gezeigt wurde. Er erreichte Kult-Status und begründet den Midnight Movie. Von John Lennon bekam Jodorowsky eine Million Dollar und so konnte er bei seinem nächsten Film Montana Sacra machen, was er wollte. Und das tat der Guru des surrealen Films dann auch: Seine Schauspieler und sich selbst sperrte er zwei Monate in seinem Haus ein. Sie schliefen dort nur vier Stunden am Tag. Sein japanischer Zen-Meister verschrieb ihm LSD und er nahm es. Seinen Schauspielern gab er, um eine Wiedergeburtsszene zu drehen, halluzinogene Pilze. In einer anderen Szene stellte er die gewaltsame Eroberung Mexikos durch die Spanier mit Tieren nach: In Mönchsgewand gehüllt, mit grauem Helmen und einem Kreuz auf der schweren Rüstung überfallen Kröten, die Spanier symbolisieren, bunt verkleidete Leguane, die nur mit Federn auf dem Kopf und einem Speer auf dem Rücken eindeutig als Mexikaner zu erkennen sind.
Reptil in Kostüm
Der Trip zum Heiligen Berg 
Nach zwei weiteren Filmen in den Achtzigern drehte er dann mit den Stars aus Lawrence von Arabien, Peter O´ Toole und Omar Sharif The Rainbow Thief. Der Film floppte. Jodorowsky machte 23 Jahre keinen Film mehr. In der Zeit habe er jeden Tag ein oder zwei Filme gesehen. Ihm fiel auf, dass es immer weniger Kunst und immer mehr technischen Stumpfsinn gab. Eine gute Erklärung, woran das liegt, hat er selbstverständlich auch: In Hollywood, schimpft er, werden Filme wie Würste oder Schuhe gemacht. Der Film sei dort eine Industrie, bei der es nur darum ginge, Geld zu verdienen. In meinem Kopf zeichnet er das Bild einer riesigen Film-Fabrik hinter dem Hollywood-Hügel, die für die Kinos Ware wie am Fließband produziert. In Hollywood habe der Regisseur keine Kontrolle, sondern sei vielmehr ein Angestellter der Stars, kritisiert er. Steven Spielberg, einer der berühmtesten Söhne Hollywoods, drehte mit Der Weiße Hai den ersten Blockbuster. Für Jodorowsky ist Spielberg das beste Beispiel für einen zurückgebliebenen Filmemacher. Er sagt, Spielberg sei der Sohn von Walt Disney und ficke Mickey Maus².

So radikal wie seine Filme sind auch seine Worte: Heute gehen die Menschen leer ins Kino und kommen leer heraus. Sie versuchen die Leere mit Popcorn und Nachos zu füllen. Und da die Welt krank sei, müssen Therapie-Filme gedreht werden, predigt er. Die Kunst des Filmes sei die teuerste Kunstform, die es gibt. Für ihn als Schamanen des Kinos kann sie entweder Heilmittel oder Gift sein. Sein Ziel sei es, seine Seele zu öffnen, um Poesie zu erschaffen³.

Dafür muss der Künstler nicht so sehr zum Poeten, sondern vielmehr zum Magier werden. Um das zu schaffen, hat Jodorowsky die Psychomagie gegründet. Die Psychomagie ähnelt der Psychoanalyse mit einem entscheidenden Unterschied: Der Psychoanalytiker glaubt die Symptome seines Patienten würden weichen, sobald der Patient den Grund dafür entdeckt hat. Der Psychoanalytiker, so erklärt Jodorowsky, will dem Unterbewussten „die Sprache der Vernunft“ beibringen. Der Psychomagier gehe den umgekehrten Weg: Er bringt der Vernunft die „Sprache des Unterbewussten“ bei.

Jodorowsky ist der Auffassung, es reiche nicht nur zu sprechen, um zu heilen. Der Patient müsse auch handeln. In der Psychomagie ist das leichter als gedacht - denn das Unterbewusste akzeptiere auch eine metaphorische Handlung: Zum Beispiel repräsentiert für das Unterbewusste eine Fotografie die abgebildete Person nicht, sondern sie ist diese Person. Will jemand beispielsweise seine kleine Schwester aus dem Weg räumen. So helfe es ein Foto der Kleinen an eine Melone zu kleben und die Frucht dann zu zertrümmern. Für das Unterbewusste sei das Verbrechen damit vollzogen; wer zuvor an Qualen litt, fühle sich danach frei, erläutert der Psychomagier Jodorowsky. Der Guru spricht und ich verstehe warum sein erstes Buch über die Psychomagie den Titel „Das Theater der Heilung“ trägt.

Wie dieses Theater aussieht, zeigen seine letzten Filme sehr eindrucksvoll: La Danza de la Realidad ist der erste Teil autobiografischen Trilogie; darin spielt einer seiner Söhne ihn selbst, ein anderer seinen Vater und der mittlerweile fast 90-jährige Alejandro greift immer wieder als eine Art allwissender Erzähler in seine eigene Geschichte ein. Das ist genauso absurd und genial zugleich, wie es klingt: Der Psychomagier Jodorowsky hat erklärt mit seinen Filmen heilen zu wollen. Konsequenterweise fängt er damit bei sich selbst an und macht seine Filme zu Akten der Psychomagie. So verarbeitet er die kühle Beziehung zu seinem Vater. Aus Angst für schwul gehalten zu werden, hütete der sich vor jeglichem Körperkontakt zu anderen Männern - auch zu seinem eigenen Sohn.
Jodorowskys La danza de la realidad: Der eine Sohn als Vater, der andere als er selbst
Man könnte Jodorowsky vorwerfen seine eigene Geschichte zu einem poetischen Märchen zu verklären. Doch ich sehe den Film und glaube das wäre falsch: Natürlich spürt man wie offensichtlich er das Thema angeht. Doch vermutlich hilft ihm gerade das seine eigenen Traumata unterbewusst zu verarbeiten. Vor den Augen der Welt greift der Psychomagier in seine eigene Psyche ein – und offenbart damit zugleich seinen besten Trick. Denn er zeigt an seinem eigenen Beispiel, wie leicht es ist, sich zu heilen, wenn man verstanden hat, wie das geht. Jodorowsky erklärte mal, die Psychomagie gebe eine Lösung, in der man sein Verlangen in einem metaphorischen Weg erkennt. Seine Filme, so scheint es, folgen dieser Idee und geben eine Antwort auf dem symbolischen Weg: Liebe, Religion und Tod – symbolisiert von Titten, Kreuzen und Blut – sind darin die großen Themen, die immer wieder kommen.

Obwohl der Magier Jodorowsky einige Tricks in seiner Kiste hat, weiß er genau, dass er das Filmemachen nicht verändern kann. Wir wissen, dass weil er es immer wieder betont. Doch er weiß genauso gut, dass irgendjemand damit anfangen muss und er das sein kann. Es scheint, als wolle er das Kino verändern, indem er dessen Medium, den Film, einfach als Medium benutzt. Denn für ihn zählt nur eine Kunst – nämlich „die, die heilt“. Mithilfe der Psychomagie macht der Magier das Medium zur Medizin: Die Psychomagie kommt aus dem Unterbewussten und arbeitet sich langsam nach oben in das Bewusste. Dank ihr kann der Psychomagier Jodorowsky die kurze Aufmerksamkeit des Publikums nutzen, um sich so tief ins Unterbewusstsein einzubrennen, dass sein Werk dort bleibt. So tief in die menschliche Psyche einzudringen, dass sein Publikum gar nicht wahrnimmt, was er da tut, das ist sein Trick. Für ihn ist das normal, für alle anderen anders. Er ist sich eben darüber bewusst nicht so wie die Anderen zu sein.
Anmerkung:
Dieser Text ist aus einer Schreibübung für die Uni entstanden. Als ich ihn schrieb, dachte ich nicht, dass ich ihn mal veröffentlichen werde. Jetzt, über ein Jahr später, ist es mir leider nicht mehr gelungen alle Quellen, aus denen die Zitate von Jodorowsky stammen, so sauber anzugeben, wie ich das gerne gemacht hätte.
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